{"id":750,"date":"2014-10-28T14:46:45","date_gmt":"2014-10-28T12:46:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.womex.org\/?page_id=750"},"modified":"2015-02-23T10:29:43","modified_gmt":"2015-02-23T09:29:43","slug":"anti-gewalt-trainings-gewaltaufarbeitung","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.womex.org\/de\/arbeitsfelder\/anti-gewalt-trainings-gewaltaufarbeitung\/","title":{"rendered":"Anti-Gewalt-Trainings | Gewaltaufarbeitung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><div class=\"divider\"><\/div><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><div class=\"divider\"><\/div><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anti-Gewalttrainings werden meist als Ma\u00dfnahmen der Jugend- bzw. Straff\u00e4lligen und Bew\u00e4hrungshilfe eingesetzt. In vielen F\u00e4llen erfolgt die Teilnahme auf Weisung durch das Jugendamt oder Gerichte bzw. wird im Rahmen einer Haftstrafe vollzogen. In einzelnen F\u00e4llen regen auch Schulen bzw. Jugendarbeiter_innen die Teilnahme an Anti-Gewalt-Trainings an. 90 bis 95 Prozent der Anti-Gewalttrainings werden von Jungen\/M\u00e4nnern besucht und sind jungen\/m\u00e4nnerspezifisch angelegt.<\/p>\n<p><a href=\"#Arbeit\">&gt; Wie arbeiten Anti-Gewalt-Trainings?<\/a><br \/>\n<a href=\"#Aspekte\">&gt; Genderaspekte und -empfehlungen<\/a><br \/>\n<a href=\"#Beispiele\">&gt; Beispiele<\/a><\/p>\n<div class=\"divider\"><\/div>\n<div class=\"divider\"><\/div>\n<h2 id=\"Arbeit\">Wie arbeiten Anti-Gewalt-Trainings?<\/h2>\n<div class=\"divider\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Antigewalttrainings umfassen \u00dcbungsformen und Settings, in denen sich die Klient_innen direkt mit ihren Mustern des Aggressions- und Gewalthandelns auseinandersetzen. Weitgehend \u00fcbereinstimmend hat man inzwischen festgestellt, dass die fr\u00fchen (und weithin vermarkteten) Methoden des sog. \u201ehei\u00dfen Stuhls\u201c mitunter auf falschen Grundannahmen beruhten und nicht selten hoch problematische Verl\u00e4ufe verursachten. Denn diese Verfahren setzten direkte Provokationen, Beleidigungen, und Besch\u00e4mung ein, um die Teilnehmer_innen sozusagen provokations-fest zu machen. Dergleichen Vorgehen ist aber mit einem menschenrechtsbasierten Zugang nicht vereinbar. Vor allem aber wurden bei genauer Betrachtung Auswirkungen festgestellt, die dem eigentlichen Ziel zuwiderliefen, so dass diese Ans\u00e4tze in der urspr\u00fcnglichen Form zunehmen weniger angewendet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitgem\u00e4\u00dfe Ma\u00dfnahmen der Gewaltaufarbeitungen und des Trainings von akuter Gewaltvermeidung gehen kontextuell und systemisch vor, und sie sehen v\u00f6llig von Besch\u00e4mung und Provokation ab. Das Ziel ist es n\u00e4mlich, die jungen Menschen in die Lage zu versetzen, die tief verankerten Mechanismen der sozialen Selbstausgrenzung und des Wut-Agierens selbst zu reflektieren und in der Gruppe zu bearbeiten. Gleichzeitig werden zentrale Pers\u00f6nlichkeits-Kompetenzen der Affektkontrolle, emotionale Intelligenz, Empathie und der pers\u00f6nlichen Reflexions- und Beziehungsf\u00e4higkeit gest\u00e4rkt und nachsozialisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #009999;\"><strong>Die einzelnen Arbeitsphasen<br \/>\n<\/strong><\/span>F\u00fcr Gewaltaufarbeitung und Antigewalt-Trainings wird zumeist ein Gruppensetting gew\u00e4hlt. In den ersten vorbereitenden Sitzungen der Intervention wird viel Aufmerksamkeit darauf verwendet, ein Klima des gegenseitigen Vertrauens und der verbindlichen Beziehung zwischen den Teilnehmer_innen und zu den Sozialtherapeut_innen zu erm\u00f6glichen. Hierf\u00fcr ist ein prozessoffenes, beteiligungsintensives und auf Freiwilligkeit beruhendes Miteinander notwendig, in dem der erz\u00e4hlende Austausch \u00fcber biographische und lebensr\u00e4umliche Themen der Einzelnen stattfinden kann. Oft bereiten Einzelgespr\u00e4che die anspruchsvolle Gruppenarbeit vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben dem gemeinsamen Nachdenken \u00fcber die Umst\u00e4nde des Aufwachsens in der eigenen Familie kommt auch dem Erz\u00e4hlen \u00fcber die Freunde gro\u00dfe Bedeutung zu. Was ist bestimmend f\u00fcr das Leben mit den Gleichaltrigen in der Clique? Wie ist es mit denen, die nicht dazu geh\u00f6ren und angefeindet werden? Welche Einstellungen und Ressentiments herrschen? Gibt es F\u00fchrer\/Leitungsfiguren? Inwiefern verhalten sie sich fair, gewaltsam oder intrigant? Gibt es Zw\u00e4nge \u2013 Handlungszw\u00e4nge oder ideologisierte Denkzw\u00e4nge? Was daran f\u00fchlt sich gut an, was ist zwiesp\u00e4ltig? Wer hilft einem dort? Wie beim Thema Familie, so geraten die Teilnehmer_innen erfahrungsgem\u00e4\u00df auch bei diesen Fragen sehr rasch dahin, dass die thematischen Felder \u201aGewalt\u2018, \u201aExtremismus\u2018 und \u201aFundamentalismus\u2018 bzw. menschenfeindliche Handlungen\/ Einstellungen ber\u00fchrt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vorfeld dessen sind sehr h\u00e4ufig Erfahrungen des Gewalterleidens, der Dem\u00fctigung und der Ohnmacht (vor allem auch in der eigenen Herkunftsfamilie) zu verzeichnen, die mit psycho-traumatologisch versierter Vorsicht angesprochen und nicht vermieden werden. Dabei ist besonders bei jungen M\u00e4nnern \u2013 aber auch bei Frauen und M\u00e4dchen \u2013 die Abwesenheit, Unerreichbarkeit bzw. Gewaltt\u00e4tigkeit der V\u00e4ter h\u00e4ufig von Bedeutung, wie auch Umst\u00e4nde des h\u00e4ufigen Orts- und Partnerwechsels von Elternteilen, oder deren psychische Erkrankungen, Drogensucht, und \u00dcberforderung. Bei jungen Frauen kommen nicht selten auch Erlebnisse der sexualisierten Gewalt\/Grenz\u00fcberschreitung hinzu. Diese Erfahrungsbereiche werden auch erg\u00e4nzend im Einzelgespr\u00e4ch erschlossen und in seiner Bedeutung f\u00fcr das sp\u00e4tere Gewalt- und Zerst\u00f6rungshandeln er\u00f6rtert. Diese vorbereitenden Phasen der biographischen Ergr\u00fcndung werden manchmal durch Formen der Genogramm- oder Familienfoto-Arbeit unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Grundhaltung, von der die Trainer_innen\/ Sozialtherapeut_innen hierbei geleitet sind, ist eine der kritischen Zugewandtheit, die gleichzeitig von unbestechlichem Be- und Hinterfragen wie auch von pers\u00f6nlicher Zuwendung und Wertsch\u00e4tzung gepr\u00e4gt ist. Hierbei werden einerseits das Verhalten und die Meinungen der Teilnehmer_innen kritisch hinterfragt, und die jeweils t\u00e4tige Fachkraft positionierte sich klar. Andererseits wird die Person der Teilnehmer_in vorbehaltlos respektiert und in ihrem Bem\u00fchen um Kl\u00e4rung und Aufarbeitung gesch\u00e4tzt und unterst\u00fctzt. Diese beiden unterschiedlichen Verhaltensstrategien beinhalten keinen Widerspruch \u2013 etwa zwischen einem akzeptierenden und einem konfrontativen Ansatz. Vielmehr stellen sie zwei sich gegenseitig bedingende und erg\u00e4nzende Register dar, die in sorgsamer Anpassung an die jeweils vorliegende Situation zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zentrum der Interventionsform steht die therapeutische Bearbeitung von akuten Handlungsszenen der Gewaltaus\u00fcbung und unkontrollierten Eskalation. In der Gruppe oder im Einzelverfahren den Hergang einer eigenen Gewalttat genau zu rekonstruieren, erweist sich f\u00fcr alle Beteiligten als gro\u00dfe emotionale, gedankliche und sprachliche Herausforderung. Denn hierbei geht es darum, alle einzelnen Schritte, in denen die Tat sich anbahnte und begangen wurde, nachzuvollziehen und ausf\u00fchrlich zu besprechen. Weil dabei stets die pers\u00f6nlichen Grenzen des Ertr\u00e4glichen ber\u00fchrt werden, w\u00e4hlen die Trainer_innen auch hier kein provokatives, sondern ein \u00fcberaus Grenz-sensibles Verfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im weiteren Verlauf werden \u00dcbungen der Selbst- und K\u00f6rperwahrnehmung angeboten und Hilfsmittel der Selbstkontrolle in brisanten Situationen erlernt. Sie erm\u00f6glichen es, die k\u00f6rperlich-emotionalen Anzeichen einer sich anbahnenden Gewalteskalation im eigenen Befinden genau wahrzunehmen. Bestimmte mentale und Verhaltens\u00fcbungen haben das Ziel, den Ausgang aus Situationen mit eskalativer Dynamik zu erm\u00f6glichen. Hierbei mag es sich um emphatische Gesten der Distanzierung, Zur\u00fcckweisung und Wegbewegung aus akuten Szenen handeln. Oder auch um gedankliche Fantasien (z.B. zu Familie, ggf. der Mutter, sch\u00f6ne Orte, Visionen von Zukunftszielen), deren Evokation eine momentane Beruhigung erzeugen und den Ausbruch von Gewalt verhindern. Diese mentalen und Verhaltens\u00fcbungen k\u00f6nnen erlernt werden, ohne dass ein intensives Provokationstraining in Anschlag gebracht werden muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0<a href=\"#top\">nach oben<\/a><\/p>\n<h2><\/h2>\n<h2><div class=\"divider\"><\/div><\/h2>\n<h2 id=\"Aspekte\">Genderaspekte und -empfehlungen<\/h2>\n<div class=\"divider\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">An keiner anderen Stelle zeigt sich die Relevanz von gender-orientiertem Arbeit so sehr wie in der Gewaltaufarbeitung und in der Arbeit mit den emotionalen und gedanklichen Hintergr\u00fcnden, die das Gewalthandeln biographisch bedingen und akut hervorbringen. Eine\/n Extremist_in oder Gewaltstraft\u00e4ter_in, der\/die nicht auch sexistisch und homophob eingestellt w\u00e4re und im pers\u00f6nlichen Bereich durch Konflikt- und spannungsreiche Gender-Thematiken gekennzeichnet w\u00e4re, gibt es nicht. Diese Themen sind stets koexistent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinzu kommt, dass es sich hierbei nicht nur um eine empirische Koinzidenz von Charaktermerkmalen handelt, sondern dass konflikthafte mentale Dynamiken in der eigenen Gender-Identit\u00e4t einen zentralen Bestandteil der akuten Motivation f\u00fcr extremistisches und Gruppenhass-orientiertes Handeln darstellen. Aus diesem Grund sind die unterschiedlichsten \u2013 miteinander verfeindeten \u2013 Varianten von gewaltt\u00e4tigem Extremismus stets gleicherma\u00dfen gegen selbstbestimmte Frauen und homosexuelle Personen gerichtet. Umgekehrt zeigen britische Kriminal-Kartographien, dass diejenigen Stadtbezirke, in denen viele gender-basierte Konfliktlagen bestehen (was z.B. an der Rate der Zwangsehen, Ehren-Delikte und der Frequentierung von Frauen- und M\u00e4nnerh\u00e4usern bemessen werden kann), auch diejenigen Bezirke sind, in denen eine hohe Dichte von militant-extremistischen \u00c4u\u00dferungsformen besteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Gewaltaufarbeitung mit jugendlichen und erwachsenen Frauen spezifisch kennzeichnend sind die Thematiken Selbstverletzung, Essst\u00f6rung, sowie sexualisierte Gewalt, die zwar unter jungen M\u00e4nnern auch zu verzeichnen sind, jedoch weniger h\u00e4ufig (und daf\u00fcr aber ggf. schwieriger anzusprechen sind). Eine weitere gender-bedingte Thematik ist die geringe soziale Stellung, die jungen Frauen in vielen Herkunftsmilieus inne haben und die dazu f\u00fchren, dass die jungen Frauen vermehrt durch kriminelles und gewaltsames Agieren die Anerkennung der Gruppe zu erlangen versuchen. Weiterhin f\u00e4llt in der Arbeit mit jungen Frauen auf, dass sie h\u00e4ufig subtile Formen der passiv-aggressiven Provokation praktizieren, die andere (junge M\u00e4nner) zu Taten initiieren, und dabei nicht selbst als T\u00e4terin erkennbar sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es \u00fcben deutlich mehr Jungen\/M\u00e4nner physische Gewalt aus als M\u00e4dchen\/Frauen. Allerdings werden Frauen, die Gewalt aus\u00fcben, von Polizei und P\u00e4dagog_innen auch \u00fcbersehen bzw. nicht ernstgenommen. Man traut ihnen scheinbar keine Brutalit\u00e4ten und Militanz zu. Das nutzen rechtsextreme und islamistische Organisationen aus, indem sie Frauen strategisch einsetzen, auch f\u00fcr Gewalthandlungen (Verpr\u00fcgeln von &#8222;linksorientierten Zeckenm\u00e4dchen&#8220;, Transport von Waffen und Sprengstoff u.a.). Jugend\u00e4mter, Polizei und Justiz m\u00fcssen zu Formen der Gewaltaus\u00fcbung von M\u00e4dchen \/ Frauen sensibilisiert werden. Es muss ein Verst\u00e4ndnis dazu hergestellt werden, dass Anstiftung und Aufruf zu Gewalt, verbale Attacken, starke gruppierungsbezogene Ablehnung und Hass\u00e4u\u00dferungen und deren Verbreitung im Kontext von rechtsextremen Orientierungen und militanten-religi\u00f6sem Fundamentalismus ebenfalls Ausdruck von Gewalthandeln sind und damit st\u00e4rker geahndet werden m\u00fcssten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft bieten Tr\u00e4ger gerade f\u00fcr junge Frauen Anti-Gewalt-Trainings in Einzelsettings an, nicht zuletzt um den geringen Fallzahlen gerecht zu werden. Organisationen, die Gruppentrainings f\u00fcr M\u00e4dchen anbieten, haben teilweise Schwierigkeiten ihre Mindestteilnehmerinnenzahl zu erreichen. Da das Gewalthandeln von Frauen weniger ernstgenommen und bestraft wird, haben Gewaltt\u00e4terinnen einen geringeren \u00e4u\u00dferen Druck zur pers\u00f6nlichen Weiterentwicklung und Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der Sensibilisierung zu Formen weiblicher Gewalthandlungen im Kontext von Rechtsextremismus und militanten-religi\u00f6sem Fundamentalismus m\u00fcssen verst\u00e4rkt m\u00e4dchen-\/frauenspezifische Anti-Gewalt-Trainings (etwa im Rahmen der familienorientierte Hilfen\/siehe die Arbeitsfeld Beschreibung dazu) angeboten werden. Die Trainings und Einzelfallhilfen sollten die Pers\u00f6nlichkeits-St\u00e4rkung von jungen Frauen mit der Reflektion der eigenen Gender-Identit\u00e4t und bestehenden Gender-Konflikten mit den ideologischen Vorstellungen und der pers\u00f6nlichen Gewaltaufarbeitung verbinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"#top\">nach oben<\/a><\/p>\n<h2><div class=\"divider\"><\/div><\/h2>\n<h2 id=\"Beispiele\">Beispiele<\/h2>\n<p>Denkzeit-Gesellschaft e.V.<br \/>\nIMMA e.V.Initiative f\u00fcr M\u00fcnchner M\u00e4dchen<br \/>\nifgg &#8211; Institut f\u00fcr genderreflektierte Gewaltpr\u00e4vention<br \/>\nViolence Prevention Network<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anti-Gewalttrainings werden meist als Ma\u00dfnahmen der Jugend- bzw. Straff\u00e4lligen und Bew\u00e4hrungshilfe eingesetzt. In vielen F\u00e4llen erfolgt die Teilnahme auf Weisung durch das Jugendamt oder Gerichte bzw. wird im Rahmen einer Haftstrafe vollzogen. 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